Wer war eigentlich der Heilige Christophorus?

Die historische Forschung kann über ihn nur aussagen, dass er ein Märtyrer unbekannter Zeit und unbekannten Ortes gewesen sei. Wir wissen, dass dem Heiligen am 22. September 452 in Chalcedon eine Kirche geweiht wurde; das wäre kaum geschehen, wenn nicht das Martyrium feststände. Alles andere gehört in den Bereich der Legende, die sich seiner schon früh und in vielerlei Gestalt angenommen hat. Die Herkunft seines Namens verrät sich in der Legende vom Fährmann Christophorus, der das Christkind durch die Fluten eines Stromes trug und dabei die Last und die Lust verspürte, dem Herrn der Schöpfung zu dienen (Christophoroi = Christusträger). Er ist nicht nur der fromme und gottesfürchtige Mensch, sondern auch der Hilfreiche und Dienstwillige, der seine Mitmenschen durch die Gefahren des Lebens und besonders der Reise sicher geleitet.

Die Gestalt des Hl. Christophorus ist also zumindest in jenen Zügen legendär, die das christliche Volk und Autofahrer bis heute und auch zukünftig an ihm sehen und verehren. 

Bedeutet das, dass der Christophorus-Kult gegen die Vernunft, abergläubig, unsinnig, eines verantwortlich denkenden Menschen unwürdig sei?

Eine angemessene Antwort lässt sich leicht aus dem Blick auf das Wesen der christlichen Legenden geben: sie will das irdische Leben und Wirken der Heiligen erzählen, um zu erbauen, zur Nachahmung aufzurufen oder im Glauben zu stärken. Dabei werden die historischen Tatsachen manchmal verklärt, umgebildet oder mit anderen geschichtlichen Gegebenheiten, mit Zügen aus dem Leben früherer Heiliger verschmolzen.

Die Verehrung des Hl. Christophorus geht nicht nur auf das Altertum zurück und erstreckt sich über das Mittelalter bis in unsere Tage, sondern findet sich auch in den verschiedensten (ost-)kirchlichen und nicht-katholischen Riten. In der lateinischen Kirche gehört er zu den sog. 14 Nothelfern; er ist ein beliebter und vielseitiger Schutzpatron, u.a. gegen unvorgesehenen Tod, Schutzherr der Schiffer, Pilger und Reisenden und – im motorisierten Zeitalter – der Autofahrer und des Verkehrs. Man darf sagen, dass er den Rahmen des Konfessionellen, ja des Christlichen und Religiösen weit gesprengt hat und allgemein als Mahner und Schirmer auf den Straßen – dargestellt auf Plaketten und Anhängern – ein selbst im pluralistischen Zeitalter selbstverständliches, unangefochtenes Symbol darstellt. 

Zu der Frage, ob der gläubige Mensch zum Hl. Christophorus noch um seinen Schutz beten kann, wollen wir auf unseren verstorbenen Weihbischof Walther Kampe hören: 

„Es wäre ein falscher historischer Purismus, wenn wir nur nach dem geschichtlichen Kern der Erzählung fragen wollten, der den Forscher interessieren mag, dem Beter aber ziemlich gleichgültig sein kann! Denn gerade an diesem Beispiel kann uns der Sinn christlicher Heiligenverehrung aufgehen: hier ist nicht der Riese gemeint, sondern das kleine Kind, das er trägt. Wir verehren in den Heiligen immer Christus, dessen Abbild die Heiligen sind, da sie in ihrer Gestalt eine konkrete Nachfolge Christi darstellen. Jedes Gebet, das sich an einen bestimmten Heiligen wendet, meint immer Christus selbst und geht durch ihn zu Gott. Würden wir die Heiligenverehrung anders auffassen, so verfielen wir abergläubigen Praktiken. So kann auch die angebliche „Abschaffung“ von Heiligen dazu dienen, heidnische Restbestandteile aus unserer Frömmigkeit zu entfernen und zu einer vertieften, verchristlichten Heiligenverehrung zu kommen. Das wäre auch eine oekumenische Tat, denn eine solche Auffassung von der Gemeinschaft der Heiligen ist urchristliches Erbe aller Konfessionen.

Welche Konsequenzen sind aus allem zu ziehen? Verehren Sie ruhig weiter Ihren Namenspatron und lassen Sie Ihren Christophorus in Ihrem Wagen, wie auch seine herrlichen Bildnisse in unseren Kirchen bleiben werden! Aber meinen Sie nicht, Sie besäßen in ihm ein Amulett mit magischer Wirkung, das Sie mechanisch vor jedem Unfall schützen könne. Nur Glaube und Gebet, für die ein Bildsymbol eine hilfreiche Stütze sein kann, haben vor Gott Wert und finden Wohlgefallen bei ihm. Kein Heiliger kann uns aus eigener Kraft beistehen, sondern nur seine Fürbitte in der Gemeinschaft aller Heiligen, deren Haupt Jesus Christus ist, kann uns hoffen lassen, dass auch wir in dieser Gemeinschaft stehen, die Zeit und Ewigkeit umfasst.“