Drei Franziskanerimpulse

Mitten in Sommer und angesichts der Corona-Krise lohnt es sich im „Franziskaner. Magazin für franziskanische Kultur und Lebensart“ ein paar aktuellen Franziskanerstimmen zu hören bzw. zu lesen.

Respekt gegenüber jedem Einzelnen
»… Wir sind überzeugt, dass sich alles kirchliche Handeln, insbesondere der Umgang mit Macht, radikal an Jesus Christus und dem Evangelium orientieren muss. Wir setzen uns ein für eine geschwisterliche Kirche, in der Männer und Frauen auf allen Ebenen ihre Charismen einbringen und Verantwortung übernehmen. Entsetzt über zunehmende populistische und fundamentalistische Tendenzen in Kirche und Gesellschaft treten wir ein für ein Miteinander, das nicht ausgrenzt. Überzeugt, dass alle Menschen Ebenbild Gottes sind, fordern wir Franziskanerinnen und Franziskaner Ehrfurcht und Respekt gegenüber jedem Einzelnen. Wir wehren uns gegen die Diskriminierung von Menschen, die anders leben, lieben oder glauben. Dabei sind wir uns durchaus bewusst, dass wir mit dieser Haltung in Spannung stehen zur kirchlichen Morallehre.
(Aus der Stellungnahme der Interfranziskanischen Arbeitsgemeinschaft (INFAG), September 2019.)

„Neue Normalität“
Corona hat uns aus ihr herauskatapultiert: aus der sogenannten Normalität – in eine neue Zeit. Die anders ist, reduzierter, entschleunigter, bedrohter, eingeschränkter…
Zurück zur Normalität! Nach dem Corona-bedingten Lockdown und allen Einbußen sozialer, kultureller und freiheitlicher Art wird die Forderung drängender. Ich frage mich: Geht das wirklich? Wollen wir zurück zur „Normalität“ wie vor der Krise?...
Was ich kenne: es gibt die Sehnsucht, wieder „normal“ leben zu können. Das heißt: zurück zum Vertrauten, in das wir uns eingerichtet haben. Das heißt: mich auskennen, mich innerhalb der vertrauten Arbeits-, Lebens- und Alltagswelten bewegen.
Aber: die neue Normalität ist nicht die alte. Wir werden neu denken, neu ausloten, uns neu orientieren. Aus meiner Sicht gibt es kein zurück mehr zur alten Normalität. Wir sind schon ein Stück weiter, zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“. Das scheint zur DNA des Christen zu gehören. Ob es uns gelingt, den Übergang zu gestalten?
(Br. Andreas Brand OFM)

Corona als Chance
Das Alte wird infrage gestellt und Neues bricht sich Bahn. Die Coronakrise bietet die Chance, auch kirchliches Handeln kritisch zu hinterfragen. Wenn es sich erweisen sollte, dass die Welt nach Corona nicht mehr so sein wird wie vor Corona, dann kann es nicht kirchliches Bestreben sein, möglichst schnell zum Vor-Corona-Zustand zurückzukehren und so zu tun, als sei nichts geschehen…
Corona fordert uns als kirchliche Gemeinschaft heraus, Christus an ganz ungewohnten Orten zu begegnen, bei Menschen am Rand, bei den Verwundeten und den Suchenden. Corona zwingt uns, über Gottesbilder und liturgische Praktiken nachzudenken, die mit ihren magischen und rituellen Vorstellungen mit einem modernen aufgeklärten Denken einfach nicht mehr kompatibel sind.
Corona bietet uns die Chance, angesichts der absterbenden Sozialgestalt von Kirche die Versorgungsmentalität und den Klerikalismus zu überwinden, ganz neue liturgische Feierformen zu entdecken und die Hauskirche des Urchristentums wiederzubeleben.
(Stefan Federbusch OFM)

Anto Batinic

Anto Batinic

Pfarrer