In der Gegenwart leben

Je älter wir werden, umso stärkeres Gewicht bekommt die Vergangenheit. Das Erinnern an die Vergangenheit ist die Ernte der zurückliegenden Tage. Wir würden gerne die schönen Stunden und das, was uns gelungen ist, festhalten. Aber das geht nicht. Wir würden gerne Unfälle rückgängig machen, zerbrochene Beziehungen reparieren, Versäumtes nachholen. Das geht auch nicht. Wir können uns an die Vergangenheit erinern und sie aufarbeiten, ändern können wir sie nicht.
Mit unseren Gedanken und Gefühlen sind wir oft auch schon in der Zukunft. Wir planen, was wir morgen tun wollen, wohin der nächste Urlaub geht, welche Arbeit ansteht. Wir träumen heute schon von Weihnachten oder vom nächsten Geburtstag, von einem schönen Konzert, von einem netten Fest und von guten Begegnungen. Und doch: Wir sind noch nicht in der Zukunft, wir haben sie nicht in der Hand, wir haben nur Ideen von ihr. Vermutlich wird sie ganz anders sein, als wir heute denken. Unsere Zukunft können wir nur planen. Ihre konkrete Gestaltung hängt von unberechenbaren Umständen und anderen Menschen ab. Was wir aber heute schon tun können: uns so disponieren, dass wir für morgen vorbereitet sind. Wir können uns mental und spirituell üben, so dass die falsche Sorge um die Zukunft der wachen Achtsamkeit für die Gegenwart Platz macht.
Im Heute stehen wir in der Spannung zwischen gestern und morgen. Es ist, als würden wir auf einer Brücke stehen, die über den Fluss der Zeit führt. Wir schauen zurück in die Vergangenheit und vorwärts in die Zukunft. Aber das Einzige, was ganz wirklich ist, was wir berühren und verändern können, das ist die Gegenwart. Entscheidend ist nicht, was war und wie es war. Entscheidend ist, wie wir heute mit der Vergangenheit umgehen, wie wir sie werten und verarbeiten, wie wir uns mit ihr auseinandersetzen und versöhnen. Das Gelungen anerkennen und würdigen, es als Schatz und Gewinn ansehen, aber auch das Misslungene bewältigen, sich ihm stellen und es heilen lassen. Das ist heute möglich.
Das Erstaunliche an unseren Zeiterfahrungen ist, dass wir mit unseren Gedanken relativ selten in der Gegenwart sind. Dabei ist sie die Zeit, die ich wirklich gestalten kann. Ich lebe im Jetzt. Über diesen Augenblick verfüge ich in voller Freiheit. Die Gegenwart ist der alles entscheidende Punkt im Fluss meiner Zeit. Im Jetzt bin ich lebendig, im Jetzt bin ich berührbar, im Jetzt kann ich sein. Leben ist zuallererst präsent sein. Ganz in der Gegenwart.
(aus: Helmut Schlegel, „Die heilende Kraft menschlicher Spannungen“, Franziskanische Akzente, Echter Verlag Würzburg.)

Anto Batinic

Anto Batinic

Pfarrer