Fronleichnam

Das Fest, das wir heute feiern, hat den seltsamsten Namen, den ein Fest überhaupt haben kann.
Es ist zusammengesetzt aus zwei Teilen, die beide für heutige Ohren nicht eben einladend klingen:
Fron – das klingt nach Mittelalter, nach Leibeigenschaft und Schuften müssen.
Und Leichnam, na ja, das klingt auch nicht gerade nach einem freudigen Fest.
Und beide zusammen ergeben erst mal gar keinen Sinn. Schade eigentlich, dass dieses Fest sich durch seinen irreführenden Namen selbst im Weg steht.
Denn es hat – natürlich – weder mit Zwangsarbeit noch mit Leichen zu tun, sonst gäbe es ja wahrlich nichts zu feiern. Fron heißt im Mittelhochdeutschen Herr, und lichnam heißt Leib, zusammen also Leib des Herrn.
Fronleichnam ist das Fest der Eucharistie, das Fest des Abendmahls. Was damals ein Abschiedsmahl Jesu im Kreis der engsten Freunde war, das feiern wir heute als Gedächtnismahl in den Kirchen und zu „normalen“ Zeiten auf den Plätzen unserer Städte und Dörfer.
Eine unscheinbare kleine Brotscheibe ist für uns das heilige Zeichen dafür, dass der Herr mitten unter uns ist.
Und wenn wir dieses Brot sichtbar zeigen oder tragen, dann tun wir dies, weil wir wissen und bekennen:
Wo sich unser Leben abspielt, dahin gehört auch unser Gott. Er will bei uns zu Hause sein, auf den Marktplätzen der Welt ebenso wie in den verborgensten Winkeln unserer Seelen. Die Welt, unsere Welt mit ihrem Glanz und mit ihrem Elend, sie wird sozusagen ausgeleuchtet mit einem Licht, in dem sich alles sehen lassen kann. Gott und die Welt gehören in Liebe zusammen – das ist die Botschaft von Fronleichnam.
Und dass gerade das Brot zum Zeichen, zum Symbol dafür geworden ist, das könnte gar nicht besser passen.

Brot – das ist das Lebensnotwendige, das Unscheinbare und Nüchterne, das Selbstverständliche und Alltägliche; es meint all das, was wir brauchen, um überleben zu können. Brot erinnert uns an unsere Herkunft: wir leben von der Erde und ihren Früchten. Das verbindet uns mit allem, was ebenso wie wir Nahrung braucht. Das verbindet uns mit der Schöpfung / Natur... Die Bibel nimmt die materiellen Bedürfnisse der Menschen sehr ernst. Die Bitte um das tägliche Brot steht genau in der Mitte des Vaterunsers. Gott weiß, wie bedürftig wir sind, und gerade so wollte er uns. Gerade so sind wir sein Abbild.
Und gerade so findet er uns liebenswert.
„Dem Hungernden muss Gott in Form von Brot erscheinen.“
Das hat nicht etwa ein Christ gesagt, sondern Mahatma Gandhi.
Er erinnert uns Christen an unseren ureigensten Auftrag. Es ist der Auftrag, für Gerechtigkeit zu sorgen.
Und dann, wenn wir das Brot der Erde ernst genug nehmen und miteinander teilen, dann können wir auch überzeugend vom Brot des Himmels reden.
Das Brot der Erde und das Brot des Himmels – beides gehört zusammen, weil Leben mehr ist als Überleben. Dann spüren sie immer noch – oder erst recht – den Hunger der Seele, den Hunger nach Sinn und Gelingen, nach Liebe und Heil.
Fronleichnam ist ein Fest, das verbindet.
Es verbindet Menschen mit Menschen, es verbindet Menschen mit Gott, es verbindet die Erde mit dem Himmel.

Anto Batinic

Anto Batinic

Pfarrer