Gemeindefahrt von St. Franziskus

An einem ganz gewöhnlichen Mittag im Februar knallen auf den Straßen eines kleinen Dorfes im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu Feuerwerkskörper, Blumen werden auf der Straße verstreut, aus allen Ecken strömen die Menschen herbei: Das ganze Dorf scheint auf den Beinen, als P. Peter mit „seinen“ Gemeindemitgliedern aus Frankfurt ankommt. Den Gästen werden bunte Blumenketten umgehängt, indische Tücher über die Schultern gelegt. Verständigungsschwierigkeiten gibt es nicht, es wird gelacht, mit Händen und Füßen geredet. Die Freude ist auf beiden Seiten groß, so mancher der Deutschen wischt sich vor Rührung eine Träne aus den Augenwinkeln.

Der Besuch bei P. Peters Familie ist unbestritten der Höhepunkt der 16-tägigen Reise, zu der sich die Frankfurter aus St. Franziskus Ende Januar nach Indien aufgemacht hatten. Hier dürfen wir indische Herzlichkeit und Gastfreundschaft erleben, kommen in Kontakt mit den Menschen, sehen wie sie leben und arbeiten. Wir besuchen die benachbarten Grundschulen und werden von den Kindern begeistert begrüßt, gehen zusammen zu einer Kokosnussfarm und essen miteinander. Ein Tag der Freude!

Schon am Vortag hatten wir das Kinderheim in Tirunalveli besucht, das die Schönstatt-Patres, zu denen auch die meisten Frankfurter indischen Priester gehören, seit 2005 aufgebaut haben. Im Sunrise Village leben 45 Waisen und Halbwaisen in Kleinfamilien zusammen, auch eine Schule gehört seit dem vergangenen Jahr dazu. Beeindruckendes wird hier für die Kinder geleistet, wir spüren, dass die Kinder eine Heimat gefunden haben.

Auch das Priesterseminar mit angeschlossenem Internat, das P. Peter besucht hat und wo begabte Schüler aus der Umgebung auf die Oberstufe gehen, ist sicher etwas, das „norrnale“ Indientouristen nicht sehen. Etwas Besonderes für die Frankfurter. Doch das ist eigentlich die ganze Reise: Auch die touristischen Höhepunkte, die man – wie das Taj Mahal – tausendfach schon auf Fotos gesehen hat, sind außergewöhnlich in diesem farbenprächtigen, vielfältigen Land, das von krassen Gegensätzen, von bitterer Armut ebenso wie von fortschrittlichen IT-Werken, edlen Hotels und einfachen Straßenküchen, heiligen Kühen und Müll an jeder Straßenecke und dem Versuch, als „green Cities“ neue Standards zu setzen, geprägt ist. Farben, Gerüche, scharfe Gewürze, ein schier unglaublicher Lärm aus Hupen, Rufen, Lachen: vom Frühstück bis zum Abendessen tauchen wir ein in eine faszinierende, fremde Welt. Dass der Verkehr auf den übervollen Straßen mit Eselskarren, Fahrrädern, Rikschas, Lastenautos, Motorrädern, klapprigen Bussen und schicken Limousinen scheinbar reibungslos funktioniert, beeindruckt uns. Als wir selbst in die Fahrradrikschas steigen und unsere Chauffeure uns auf abenteuerlichen Wegen durch die Altstadt von Delhi steuern, sind wir endgültig innerlich angekommen.

Aber auch die Elefanten, auf deren Rücken wir in der Nähe von Jaipur zu der mächtigen Festungsanlage Fort Amber hinaufschaukeln, das Hausboot, mit dem wir einen Tag lang durch die Backwaters, eine einmalige Wasserlandschaft in Kerala schippern, oder die TukTuks, einfache offene  Taxis, die wir für wenige Rupien für einen Ausflug nutzen, bringen uns näher heran an das „echte“ Indien. Dazu gibt es immer wieder Einblicke in das vielfältige religiöse Leben auf dem Subkontinent mit seinen geschätzt 1,4 Milliarden Menschen: Knapp 80 Prozent Hindus, 14 Prozent Muslime, 2,3 Prozent Christen, dazu Sikhs, Buddhisten, Jainas leben hier. Ihre zum Teil riesigen Tempelanlagen, Moscheen, auch in bescheidenerem Maße die Kirchen, sind prachtvolle Bauwerke, die oft eine beeindruckende Frömmigkeit ausstrahlen.

Wir lernen von P. Peter, seinem Onkel und unserem übervoll mit Wissen gesegneten indischen Reiseführer Jathin (fast) alles über die indische Hochkultur, die schon im 3. Jahrhundert vor Christus Beeindruckendes hervorbrachte, entdecken die vielen bunten Hindu-Gottheiten, die Geschichten von Maharadschas und Moguln, portugiesischen und britischen Eroberern. Sogar eine Messe am Grab des Heiligen Thomas, der das Christentum 50 Jahre n. Chr. nach Südindien brachte und in Chennai als Märtyrer starb, dürfen wir feiern. Nicht nur dabei erweist sich P. Peter als wunderbarer Seelsorger, Gesprächspartner und Indienerklärer, der unendlich geduldig, zugewandt und fürsorglich auf all unsere Bedürfnisse eingeht und stets ein Stück Schokolade oder ein Hustenbonbon zur Hand hat, um den Kulturschock zu mindern.

Dennoch: Uns allen ist klar, egal, ob im Goldenen Dreieck Delhi, Agra, Jaipur, oder im Süden des Landes, in Kerala und Tamil Nadu, in den 16 Reisetagen konnten wir allenfalls ein Zipfelchen dieses faszinierenden Landes begreifen. Vielleicht muss es eine Fortsetzung geben. In P. Peters Dorf jedenfalls sollten schon mal die Freudenböller für das nächste Fest der Begegnung bereitgehalten werden.

Wer weitergehende Eindrücke unserer Gemeindereise nach Indien sucht, wird auf Youtube fündig, wo Gordon Ferao eine Menge witziger und informativer Filme eingestellt hat: https://tinyurl.com/y48y3g5s

Bericht: Doris Wiese-Gutheil

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